Baumpflege erklärt
Auch: Höhlung, Faulhöhle, Restwandstärke
Bäume werden hohl. Das gehört zum Älterwerden und ist für sich genommen kein Grund zu fällen. Es ist aber immer ein Grund, genauer hinzusehen.
Die Frage ist nicht, ob er hohl ist. Die Frage ist, wie viel Wand übrig ist und ob sie geschlossen ist. Und die beantwortet man nicht mit dem Auge.



Ein Baum baut jedes Jahr außen neues Holz an. Das Holz weiter innen ist tot und trägt nur noch. Kommt über eine Wunde Fäule hinein, wird genau dieses tote Holz abgebaut.
Der Baum repariert das nicht. Er grenzt ab und baut außen weiter. Deshalb steht am Ende eine Röhre aus gesundem Holz um einen leeren Raum.
Standsicherheit ist die Frage, ob der Baum umkippt. Sie entscheidet sich unten, an Wurzeln und Boden. Ein Hohlraum im Stamm sagt darüber wenig.
Bruchsicherheit ist die Frage, ob der Stamm bricht. Da spielt der Hohlraum mit. Nur eben nicht so, wie die meisten denken.
Wenn Wind einen Stamm biegt, arbeitet vor allem das Holz ganz außen. Die Mitte trägt dabei fast nichts. Ein Rohr ist deshalb bei gleichem Material beinahe so tragfähig wie ein voller Stab. Aus demselben Grund sind Fahrradrahmen, Gerüststangen und Knochen hohl.
Der Baum baut nicht trotz der Höhlung weiter außen. Er baut genau dort, wo es zählt.
Die Restwandstärke im Verhältnis zum Radius. Dazu gibt es eine bekannte Faustregel, die etwa bei einem Drittel ansetzt. Sie ist ein Anhaltspunkt und fachlich umstritten. Ein Urteil über einen Baum ist sie nicht.
Ob die Röhre geschlossen ist. Eine geschlossene Höhlung ist deutlich stabiler als eine mit einer langen Öffnung. Das Loch schwächt mehr als der Hohlraum.
Wo die Höhlung sitzt. Am Stammfuß wiegt sie schwerer als weiter oben. Und was darüber steht: eine große, dichte Krone fängt mehr Wind.
Und am Ende immer dasselbe wie überall in diesem Lexikon: was darunter passiert. Über einer Wiese ist derselbe Baum ein anderer Fall als über einem Parkplatz.
Eine normale Baumkontrolle ist eine Sichtkontrolle. Sie beantwortet, ob etwas auffällt. Sie beantwortet nicht, wie dick die Wand an der schmalsten Stelle noch ist. Genau da hört das Auge auf.
Der nächste Schritt hat einen Namen: die eingehende Untersuchung, im Fach kurz EU. Sie ist der geregelte Weg vom Verdacht zur Zahl.
Ein hohler Stamm ist der klassische Fall dafür. Nicht fällen und nicht abhaken, sondern messen.
Am häufigsten wird dafür die Schalltomographie eingesetzt. Sie bildet den Querschnitt ab, ohne den Baum zu verletzen. Die Verfahren stehen im eigenen Eintrag „Eingehende Untersuchung“.
Und es gibt Fälle, in denen gar nichts gemessen werden muss, weil unter dem Baum nichts ist, was geschützt werden müsste.
Nicht ausräumen. Das morsche Holz stützt zwar nicht, beim Ausräumen wird aber die Grenzschicht zum gesunden Holz verletzt. Danach geht die Fäule weiter, wo sie vorher gestoppt war.
Nicht auffüllen. Beton und Bauschaum in Baumhöhlen waren jahrzehntelang üblich. Sie halten Feuchtigkeit fest, scheuern im Wind und machen jede spätere Kontrolle unmöglich.
Und nicht aus Unsicherheit fällen. Das ist der häufigste Fehler bei diesem Thema und der einzige, der sich nicht mehr rückgängig machen lässt.
Höhlungen sind Brutplätze und Quartiere. Für Spechte, Käuze, Fledermäuse, Wildbienen. Sie sind ganzjährig geschützt, auch wenn gerade niemand zu Hause ist. Bevor jemand die Säge ansetzt, wird nachgesehen.
Ich bin Baumpfleger und kein Jurist. Das hier ist Praxiswissen und keine Rechtsberatung. Für die rechtliche Seite gibt es Fachleute: Rainer Hilsberg schreibt die Kolumne BaumRecht in der TASPO BAUMZEITUNG. Cedric Vornholt veröffentlicht zum Baumschutzrecht und zur Verkehrssicherungspflicht bei Bäumen.
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